Abend – Dämmerung – Nachtgesänge

Schon immer war die Menschheit fasziniert vom Reich der Dunkelheit. „Nacht ist wie ein stilles Meer“ schrieb Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht „Die Nachtblume“. Dichtungen und Gesänge über den Abend, die Dämmerung und die Nacht waren zentrale Themen der Romantiker, die dem grellen Licht der aufklärerischen Vernunft entgegentraten. Die Nacht konfrontiert den Menschen mit dem rational nicht Fassbaren, sie rührt an unbewusste Wünsche und uralte Ängste.

Nacht und Träume

Dass nicht nur die Nacht das Reich substanzloser Träume ist, sondern auch die solide erscheinende Wirklichkeit Traumcharakter hat, wird eindrucksvoll im Gedicht „Drömmanar“ besungen: Geschlechter kommen und vergehen. Obwohl sie flüchtig sind wie der Schaum auf den Wellen, „leben sie ewig, die Träume“. Überraschend an der Vertonung von Jean Sibelius ist der Schlussakkord, der nicht aus der Tonika besteht, sondern aus der Moll-Dominante, was dem ansonsten völlig tonalen Satz nachträglich eine wehmütig-modale Färbung verleiht, sehnsuchtsvoll dem Vergangenen nachblickend.
Zur guten Nacht gehört, zumindest für Kinder, ein Schlaflied: Was in „Tuta nana tgu“ leicht afrikanisch anmutet, ist in Wirklichkeit ein rätoromanisches Wiegenlied aus Graubünden. Ein anderes Wiegenlied, „Hine e hine“, hat beinahe den Status einer Nationalhymne erlangt, verfasst im Jahr 1907 von der neuseeländischen Māoriprinzessin Te Rangi Pai. Die begabte Sängerin, deren Name „Schöner Geist“ bedeutet, komponierte dieses Lied in einer Zeit schwerer persönlicher Krisen und erlangte damit internationale Bekanntheit.
Als einziges der drei Wiegenlieder ist Jaako Mäntyjärvis „Lullaby“ im sanft schwingenden 6/8-Takt gehalten. Entgegen dem einschläfernden Duktus ist der Text aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ jedoch abgründig: Schlangen und Spinnen, Stachelschweine und Blindschleichen werden beschworen, sich nicht zu zeigen, wenn Titania, die Feenkönigin, sich zur Ruhe legt.

Das Unheimliche – das Tröstliche

Das Dunkel, so angstbesetzt es sein mag, ist auch von bergendem, mütterlichen Charakter. Besonders schön tritt dieser Zug in Christian Dreos 2005 entstandenen Satz „Die Nacht“ hervor. Der spätromantische Text stammt von Franz Suppan (1860-1910), der als Bürgermeister von Klagenfurt zur seltenen Gruppe dichtender Politiker gehört. In seiner Schlichtheit ist der Liedsatz zeitlos wie ein Volkslied.
„Windy Nights“ erzählt die Mär vom galoppierenden Reiter und ist eines von mehreren Kinderreimen, die John Rutter vertonte. Das Sujet erinnert an den Erlkönig oder auch an den Feuerreiter. Es evoziert den lustvollen Grusel, den man empfindet, wenn in der Fantasie die Nacht ringsum von unheimlichen Gestalten bevölkert ist und man selbst sich geborgen und sicher weiß.

Die Nacht der Ewigkeit

Das Unbegreifliche, die Zeit des Übergangs vom Wachzustand ins Unbewusste, macht die Nacht zu einem Symbol des Todes. Morten Lauridsens „Soneto de la noche“ – das Gedicht stammt von Pablo Neruda – ist ein großes, tiefes Liebeslied, welches die Grenzen zum Gebet überschreitet.
Auch die beiden Werke von Eric Whitacre berühren das Transzendente: Dur und Moll (oder Tag und Nacht?) überlagern sich in „Nox Aurumque“ und erzeugen einen mystischen Schimmer-Effekt. Ebenso eröffnen die bis zu 14stimmigen Klangverdichtungen in „Water Nights“ ungeahnte harmonische Räume.
Die Assoziation von Nacht und Jenseits ist am stärksten ausgeprägt in Rilkes „Erster Elegie“. Hier erscheint die Nacht als „Wind voller Weltraum“, Jenseits und Diesseits vermischen sich. Das Licht des unterscheidenden Verstandes ist ausgelöscht, und dahinter zeigt sich die Wahrheit: der dunkle, leere Raum. Einojuhani Rautavaara wagt fast Unmögliches, wenn er Rilkes Wort-Musik in Ton-Musik übersetzt.

Das Reich der Stille

In der Nacht, Eichendorffs stillem Meer, enden alle Worte. Empfindlich gestört wird die seraphische Ruhe in Camille Saint-Saens’ „Calme des nuits“ durch den grellen Ausbruch „l’éclat du soleil“ / „Der grelle Glanz der Sonne“. Sofort sehnt sich der Hörer nach den samtigen, dunklen Akkorden des Anfangs zurück.
In Frederick Delius’ exquisiter Vokalise „To Be Sung Of A Summer Night On The Water“ verzichtet der Komponist konsequent auf jede Textierung; reine Harmonien schweben wortlos über dem Wasser in den stillen Abend.

Sven Hinz