Aus der Frage, wie es mir gehe…

Aus der Frage, wie es mir gehe, vorausgesetzt, sie wird überhaupt an mich gerichtet, was in letzter Zeit selten vorkam – nicht dass mich das störte oder sonstwie beunruhigte, im Gegenteil – erhebt sich, wenn ich mit der Gewissenhaftigkeit, die mir schon, solange ich mich erinnern kann, zu eigen ist (und meine Erinnerung reicht weiter, als es gemeinhin üblich scheint, zumindest bestätigen mir dies verschiedene Vergleiche mit dem Erinnerungsvermögen anderer Personen, zurück in die Vergangenheit), wenn ich mit Gewissenhaftigkeit darauf antworten möchte, die Notwendigkeit, das Verhältnis meiner Wahrnehmung hinsichtlich derjenigen guten und schlechten Dinge, die mich betreffen, zu überprüfen. Dabei beginne ich in der Regel mit den schlechten Dingen, ich weiß nicht warum, ich könnte geradesogut mit den guten anfangen, aber mit den schlechten anzufangen erscheint mir naheliegender. Möglicherweise ist meine Leidensfähigkeit, das meint die Wahrnehmung der schlechten Dinge, stärker ausgeprägt als meine Genussfähigkeit, mit der ich gute Dinge als gut wahrnehme, allerdings könnte ich nicht behaupten, daß mir das gefiele, ich habe von jeher Symmetrie bevorzugt. Denn es ist so, daß durch die Tatsache – schon die bloße Vermutung reicht jedoch aus – meine Leidens- und Genussfähigkeit könnten verschieden stark ausgeprägt sein, gewisse Überlegungen dadurch unnötig erschwert oder sogar völlig unmöglich würden. Diese Möglichkeit beunruhigt mich zutiefst. Es muß also, um mich zu beruhigen, ein anderer Grund vonnöten sein, aus dem heraus ich meine Überprüfung für gewöhnlich mit den schlechten Dingen beginne, die übrigens in den meisten Fällen, an die ich mich erinnere, sich zu verbessern scheinen, zumindest von Zeit zu Zeit. Dafür gibt es, soweit ich es zu diesem Zeitpunkt überblicken kann, zwei Möglichkeiten: Entweder werden die schlechten Dinge tatsächlich immer besser, während meine Wahrnehmung und somit meine Leidensfähigkeit die gleiche bleibt, oder die schlechten Dinge bleiben gleich schlecht, während meine Wahrnehmung abstumpft und infolgedessen im selben Tempo auch meine Leidensfähigkeit abnimmt. Das ist nicht unbedingt von Nachteil, da mir, wie bereits ausgeführt, in diesem Fall die schlechten Dinge, obwohl in Wirklichkeit gleich schlecht bleibend, immer besser erscheinen müssten. Allerdings nähme mit der Abstumpfung meiner Wahrnehmung im gleichen Maße auch meine Genussfähigkeit ab, was zur Folge hätte, dass die guten Dinge für mich immer schlechter würden, obwohl sie in Wirklichkeit gleich gut blieben. Es müssten also, damit für mich die guten Dinge scheinbar immer gleich gut bleiben sollen, im selben Tempo, in dem meine Genussfähigkeit – infolge abstumpfender Wahrnehmung – abnimmt, die guten Dinge immer besser werden. Damit sie mir indes noch besser erscheinen als sie sind, müsste das Tempo, in dem die Verbesserung der guten Dinge vor sich geht, dasjenige der Abnahme meiner Genussfähigkeit übertreffen, und damit ist kaum zu rechnen. Denn zweifellos stumpft, sofern sie überhaupt abstumpft, meine Wahrnehmung immer schneller ab, und im gleichen Tempo nehmen demzufolge auch Genuss- und Leidensfähigkeit ab. Dies hinwiederum ist von Vorteil, denn die schlechten Dinge scheinen mir, je schneller meine Leidensfähigkeit abnimmt, desto früher um so besser, vorausgesetzt, die schlechten Dinge bleiben so schlecht, wie sie sind, und werden nicht ebenso schnell, wie meine Leidensfähigkeit abnimmt, oder etwa noch schneller, noch schlechter. Es wäre ideal, blieben die schlechten Dinge, während die guten immer besser würden, gleich schlecht, denn abnehmende Leidensfähigkeit bewirkt, wie bereits ausgeführt, kontinuierliche Verbesserung der schlechten Dinge (in meiner Wahrnehmung), die abnehmende Genussfähigkeit hingegen kontinuierliches Gleichbleiben der guten Dinge. Das ist eine Situation, wie sie von Fall zu Fall sogar zutrifft, allerdings ist sie selten von längerer Dauer und bisher offenbar niemals von Konsistenz gewesen, denn das bedeutete, dass alle guten Dinge, selbst diejenigen, die mich zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht betreffen, gleichzeitig und im selben Tempo sich verbesserten und dementsprechend alle schlechten Dinge im selben Zeitraum unverändert blieben. Das erscheint mir nicht sehr wahrscheinlich, ich will diese Situation als hypothetischen Sonderfall betrachten, der, sollte er jemals eintreten oder bereits eingetreten sein, von mir höchstwahrscheinlich unbemerkt bliebe beziehungsweise unbemerkt geblieben sein würde, da mir die Möglichkeiten, alle guten und schlechten Dinge gleichzeitig zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Konsistenz ihrer Qualität hin zu überprüfen, fehlen – Es kann mir also egal sein. Der gewöhnliche Fall, nämlich die zeitweilige und unregelmäßige Verbesserung einiger guter Dinge, die zufällig mit dem Gleichbleiben einiger schlechter Dinge zusammenfällt, tritt durchaus gelegentlich ein, ich brauche das hier nicht zu wiederholen. Ich wiederhole es nur, da mir scheint, dass dieser Fall, wie bereits ausgeführt, in letzter Zeit des öfteren eintritt, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass meine Wahrnehmung, wie ich daraus schließe, immer schneller abstumpft. In der Regel jedoch, bis vor kurzem ist zumindest das noch die Regel gewesen, habe ich festgestellt, dass diejenigen guten und schlechten Dinge, die mich betreffen und die ich beobachte (was ich durchaus nicht immer tue, mein Gott, als hätte ich nicht auch etwas anderes zu tun, freilich sehr selten) in ganz unvorhergesehener Weise besser oder schlechter werden oder gleich gut oder gleich schlecht bleiben, für wer weiß wie lange Zeit. Dass meine Wahrnehmung überhaupt abstumpft, kann und konnte ich also längst nicht immer mit Sicherheit sagen, und ich erinnere mich auch nicht, das je behauptet zu haben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass von beiden erwähnten Möglichkeiten die erste zutrifft, nämlich dass meine Wahrnehmung immer gleich bleibt, während die guten und schlechten Dinge sich wie auch immer verändern, oder, dritte Möglichkeit, meine Wahrnehmung sich sogar zunehmend verfeinert, was ich indes nicht hoffe. Denn das hätte zur Folge, dass meine Genuss- und Leidensfähigkeit im gleichen Tempo zunähmen und somit die schlechten Dinge, sofern sie gleich schlecht blieben, mir immer schlechter erscheinen müßten, und, sobald sie tatsächlich sich verschlechterten, mir in ganz unangemessener und unerträglicher Weise schlecht erscheinen würden. Unzweifelhaft würde durch die zunehmende Genussfähigkeit, mit der ich die guten Dinge wie bereits ausgeführt wahrnehmen würde, dieser Zustand bis zu einem gewissen Grade ausgeglichen werden können – vorausgesetzt, meine Genussfähigkeit ist ebenso stark ausgeprägt wie meine Leidensfähigkeit – aber ich vermute – der Vorsicht halber gehe ich zumindest davon aus – dass die Anzahl der schlechten Dinge die der guten, und sei es auch noch so gering, möglicherweise übertrifft. Es ist daher vorteilhaft anzunehmen, meine Wahrnehmung stumpfe ab, während die Annahme einer immer weiter sich verfeinernden Wahrnehmung oder zumindest die bloße Vorstellung davon eher in solchen Zeiten günstig ist, in denen die Anzahl der guten Dinge die der schlechten Dinge übertrifft, und damit ist kaum zu rechnen. Obwohl ich das nicht mit Bestimmtheit sagen kann, denn es liegt außerhalb meiner Möglichkeiten, das Verhältnis der Anzahl der guten und der schlechten Dinge zueinander zu einem bestimmten Zeitpunkt mit Sicherheit feststellen zu können, so dass ich es mir, wenn ich gewissenhaft auf die Frage, wie es mir gehe, antworten möchte, nicht erlauben darf zu antworten, danke, es geht mir gut, doch, ich kann nicht klagen, nicht einmal das.

(2005)