Archiv der Kategorie: Literarische Texte

Gedankenklang – Gesammelte Texte von 2002 bis 2018

In wenigen Tagen, Anfang Dezember 2018, erscheint mein neues Buch „Gedankenklang“ im Schweizer AbisZett-Verlag – gesammelte Texte aus den letzten 16 Jahren, Gedichte, Erzählungen, Schauspiele, Reiseberichte und Fundstücke aus 2.000 Seiten Tagebuch. Das Buch hat sich, von mir fast unbemerkt, „von selber“ geschrieben, während ich mit anderen Dingen beschäftigt war, die größte Arbeit war es, zum Schluss eine Auswahl zusammenzustellen.

Vorbestellungen sind bereits jetzt möglich: einfach eine Email an mich schreiben (svenhinz@klangsignale.com).

Einige Seiten zum Vor-Lesen:

Leseproben aus „Gedankenklang“

ISBN 978-3-907192-00-9
242 Seiten
€ 24.-

Blatt und Baum

„Alles könnte so schön sein“, dachte das Blatt, „wenn nur dieser blöde Baum nicht wäre! Seit meiner Geburt hält er mich gefangen. Wie soll ich irgendwas Sinnvolles in der Welt bewirken, wenn ich mein ganzes Leben lang nur hier herumhänge?“

Dann wurde es Herbst.

Julia und Romeo

 

Die Julia sprach zum Romeo:
„Och, bleib doch noch e bissle do!“

Der Romeo zum Aufbruch rät,
weil schon die Lerche draußen kräht.

Doch Julia lacht: „Is mir egal,
des war beschdimmd e Nachdigall!“

So hüpfen sie nochmal ins Bett
und komponieren ein Duett.

Rosalie, die Himmelskuh

Steigt vom Blau des Himmels nieder
Rosalie, die Himmelskuh.
Käut das Blau des Himmels wieder,
schmatzt und legt sich dann zur Ruh.

Morgens rupft sie frische Kräuter,
schmatzt und freut sich ihres Seins.
Kratzt genussvoll sich das Euter
an den Kanten eines Steins.

Rosalie, die Himmelsmuhme,
liebt im Stillen Nachbars Pferd.
Rupft sich eine Butterblume,
die sie fressend ihm verehrt.

Rosalie liebt diese Erde
ziemlich, doch beim Kuhgebimmel
ihrer heißgeliebten Herde
denkt sie öfters an den Himmel.

Nachts betrachtet sie die Sterne,
schaut dem Großen Ochsen zu,
seufzt und muht: „Ach, wär ich gerne
wieder eine Himmelskuh!“

(2017)

Nachtrag zu Buridans Esel

Wie bitte? Der Esel verhungert, sagen Sie? Weil er sich angeblich nicht entscheiden kann?
(Zwei Heuhaufen, beide gleich an Rang…)
Aber ich bitte Sie, das ist doch wohl nicht realistisch.
(Eben, nur ein Gedankenexperiment.)
Platzieren Sie einen Esel exakt zwischen beiden Futterquellen, sagen wir mit einer Äquidistanz von zehn Metern…
(Was passiert?)
…er wird schauen, schnuppern, hier wie da, und dann lostraben, auf einen der Haufen zu, es wird ihm egal sein, völlig schnuppe, es wird der sein, von dem grad der günstigste Wind weht, er ist nicht in der Lage, sich nicht zu entscheiden, weil er eben nicht denkt, nicht so wie wir.
(Nicht?)
Nein. Sein Urteil ist kein Gedankenurteil, es folgt nicht logischen Gründen, ist Faktoren unterworfen, die wir nicht kennen, unabsehbar, unergründlich, gottgleich.
(Sind wir mehr als ein Esel, weniger als Gott?)
Weder noch. Esel oder Gott – sie sind die Heuhaufen, zwischen denen wir stehen.

Wie der Teufel gewann

Einmal wettete der Teufel, er wisse eine Zahl, die sei so groß, dass selbst Gott sie nicht fassen könne.
„Schieß los“, sprach Gott (wodurch er wieder einmal versehentlich einen Urknall auslöste). Sogleich scharten sich alle Engel um den Teufel herum, denn sie liebten Spiele jeder Art, und Zahlenspiele auch, obwohl sie ja eigentlich gar nicht rechnen konnten.
Der Teufel begann und redete von Graham’s Number, der größten, je in einem mathematischen Beweise vorkommenden Zahl. Davon war Gott überaus fasziniert, und er hörte aufmerksam zu, wobei er fast völlig seine versehentliche Schöpfung vergaß, die nun hinter seinem Rücken munter vor sich herexpandierte.
Und der Teufel exponierte sich und seine gigantische Zahl, türmte Potenz auf Potenz, und beschoss sie mit Pfeilen, so dass ihre Stellen den Raum zwischen den Galaxien restlos anfüllten, und er schwafelte und schwefelte, er schnaufelte und zähfelte, und so ging’s die halbe Ewigkeit…
  „…plus eins!“ rief ein dicker kleiner Engel, und alle andern kicherten. Sie waren des Zifferngeleiers schon nach dreizehneinhalb Milliarden Jahren überdrüssig geworden, und so hatten sie sich von dem Besessenen ab- und einem lustigeren Zeitvertreib zugewandt: sie spielten jetzt Engel-Gedrängel auf einer Stecknadel, die einer im Heuhaufen Buridans gefunden hatte. Der Teufel aber glaubte, das mit der Eins gelte ihm, und ob man ihn gar übertrumpfen wolle? Das ärgerte ihn so sehr, dass er sich aufblähte und anschwoll, bis er zerplatzte und dabei das gesamte Universum auseinanderriss.

„Tja, mein Lieber“, sprach Gott zu sich allein und blickte etwas ratlos in der Zehnten Dimension umher.
„Er hatte wohl recht. War nicht zu fassen.“

An das Böse

Liebes Böse,

ich kenne Dich.
Du bist ein verletztes Kind,
wütend, weil Du nicht mitspielen darfst.
Du verkleidest Dich gerne
als Attentäter oder Diktator
und spielst dann mit uns
Spiele, die wir nicht wollen.
Feierst Feste mit Menschen,
die gar nicht eingeladen sein wollten,
mit Bomben und Geschrei.
Du stehst gerne in der Zeitung
erscheinst in den Nachrichten
kurz vor dem Wetter.
„Ihr sollt mich noch kennenlernen“
grollst du oft.

Ich kenne Dich schon.
Manchmal besuche ich Dich
und schaue Dir zu,
wie Du mit Dir selbst beschäftigt bist.
Es tut mir leid,
dass ich offensichtlich gar nichts für Dich tun kann.
Oder stimmt das nicht?
Du hast Deinen Schmerz
und Deine Gründe.
Ja, Du hast recht.
Du bist misshandelt worden.

Ich liebe Dich
mehr als alles andere.
Verdienst Du es?
Nein, sagen viele.

Ich finde, Du brauchst es am meisten.

(25. Dez. 2016)