Gloria – Halleluja

Mit der Gregorianik fängt alles an – sie ist die Grundlage der westlichen Musik überhaupt. Die acht ursprünglichen „Kirchentonarten“ – Modi oder Tonleitern – wurden allmählich auf zwei reduziert, nämlich auf Dur und Moll. Die übrigen Modi blieben bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Randerscheinungen und wurden lediglich als theoretische Konstrukte gelehrt. Erst mit dem Aufkommen des Jazz im 20. Jahrhundert erfuhren sie eine Wiederbelebung in neuem Gewand.
Seitdem haben sich viele Komponisten „ernster“ Musik mit den alten Modi beschäftigt, meist im Versuch, eine alternative Klangwelt zu Zwölftontechnik und Serialismus zu schaffen. Dass sie explizit im Dienste der geistlichen Vokalmusik stehen, ist eine relativ neue Erscheinung, für die der Begriff „Neogregorianik“ eingeführt wurde.
Einer der bedeutendsten englischen Komponisten geistlicher Chormusik, Colin Mawby, hat in seiner Jugend äußerst intensiven Unterricht in gregorianischem Gesang erhalten, was in seinen Werken deutliche Spuren hinterlassen hat. Sein Alleluia ist ein Jubel ohne Triumph, nichts wird überwunden, kein Tod, kein Teufel. Eine Harmonie ohne Oben und Unten, frei im Raum schwebend.
Dagegen ist das Memento Creatoris Tui von Michael Waldenby scheinbar das Gegenprogramm zum Konzert-Titel „Gloria Halleluja“. Der schwedische Komponist vertont seit 2002 immer wieder Textstellen aus dem Buch Kohelet (Prediger), das als eines der pessimistischeren und sogar nihilistischen Bücher der Bibel gilt. Doch auch in der Vergänglichkeit liegt, nach christlicher Vorstellung, schon der Keim wahrer Lebensfreude verborgen, nämlich die Freude des ewigen Lebens, die sich enthüllt, sobald alles Irdische vergangen oder zumindest durchschaut worden ist.
Ähnlich wie bei Mawbys Alleluia geht es bei Ēriks Ešenvalds’ Vertonung des Magnificat nicht um Textausdeutung oder die Evokation von Emotionen, sondern die Musik ist eine meditative Betrachtung. Ausgehend vom Zentralton e spannt sich der harmonische und melodische Raum auf, vergleichbar den Strahlen einer Lichtquelle.
Kō Matsushitas Jubilate Deo und das Benedictus des Franzosen Emmanuel Robin entspringen beide demselben Geist: sie sind durchdrungen von vitaler Rhythmik, die unbändige Lebens-, ja Gottesfreude verkündet.
Matsushita, der 1962 in Tokio geborene Komponist und Chorleiter, verbindet in seinem Schaffen westliche und östliche Traditionen. Er befasst sich neben zahlreichen Vertonungen christlicher Texte auch mit traditioneller japanischer Musik. In Jubilate Deo verwandelt sich der Chor in einen Kristall, der das Licht, beziehungsweise den Text, vielfach bricht und widerspiegelt. Aus einer rhythmisch ungeordneten, auf einem Ton gesprochenen Initialzündung „Jubilate“ schießt die rhythmisch prägnante, exaltierte Melodie hervor, die nach einem ruhigeren Mittelteil wieder aufgegriffen und harmonisch verändert wird.
Eine gemurmelte Klangfläche eröffnet Javier Bustos O Magnum Mysterium: jeder Chorsänger rezitiert die Textworte in seinem eigenen Tempo, lediglich die Harmonie ist verbindlich festgelegt. Erst in der Mitte des Stückes tritt das gregorianische Element deutlich in Erscheinung, an der Textstelle „et admirabile sacramentum“. Allerdings werden die Modi überaus frei behandelt und sehr bald wieder in vertraute, (erweiterte) Dur-Moll-Harmonik überführt.
Ola Gjeilos zwölfstimmiges Peace ist ein Auftragswerk der Zürcher Vokalisten, das in diesem Programm uraufgeführt wird. Nach Aussage des Komponisten evoziert es einen „langen, endlosen Horizont“. Die Herausforderung des Stückes liege nicht in den Noten, sondern in der Erzeugung einer „glazialen“ Klangfarbe. Die schlichte Melodie wird unisono von Sopran und Tenor im Oktavabstand gesungen und dabei heterophonisch von einer zweiten Sopranstimme begleitet, was zu subtilen Dissonanzen in den Oberstimmen führt. Der Text ist dem „Gloria“ entnommen, mit dem Schwerpunkt auf dem Vers „et in terra pax“. Das gregorianische Element tritt in diesem Werk nicht so deutlich hervor wie in Ubi caritas, das mit einer äußerst schlichten, gregorianisch anmutenden Kantilene beginnt, die einen Quart-Raum mit kleiner Terz ausfüllt. Durch Gegenbewegung der Stimmen entwickelt sich harmonische Fülle aus dem Unisono. Es steht in offensichtlicher Verbindung zur Vertonung des älteren Meisters Morten Lauridsen, in dessen ausführlicherer Vertonung mehrere musikalische Landschaften sich kontrastreich abwechseln. Einer eindrucksvollen gregorianischen Eröffnung in den Männerstimmen steht übergangslos der harmonische Reichtum der Neuzeit gegenüber, der beschlossen wird von einem ausgedehnten „Amen“, welches sich durch alle Stimmen zieht – ein Jubel ohne Ende.

Sven Hinz