In der Nacht sah ich einen Engel

Er war wunderschön, leuchtend und groß, und wirkte doch zugleich zart und zerbrechlich. Es ließ sich nicht sagen, ob er Mann war oder Frau; wenn ich ihn als Mann betrachtete, war seine Männlichkeit überwältigend, und betrachtete ich ihn als Frau, gab es in der gesamten Menschheit keine schönere.

Seine Flügel waren auf dem Rücken zusammengebunden.

Warum, fragte ich, wer hat dir sowas getan?

Der Engel mit den zusammengebundenen Flügeln gab mir Antwort; seine Stimme war leise, doch voller Kraft und Tiefe.

Es waren die Menschen, die mich gefunden haben, sprach er, sie sagten, es sei aus Liebe, und ich vertraute ihnen. Jetzt bin ich wie sie, und ich brauche sie nicht mehr.

Du meinst, deine Eltern haben dir das angetan?

Ja. Er nickte. Sie und die vielen Menschen, die mit ihnen sind. Es macht mir nichts aus, fügte er hinzu. Es ist wohl das Beste für mich.

Es tat mir weh, ihn anzusehen und so sprechen zu hören, so voller Liebe, wie ein gutmütiges Tier, doch unendlich liebevoller und bewußter. Ich wollte nichts lieber als seine Fesseln lösen, damit er seine Flügel weit, weit ausbreiten konnte und er frei war zu fliegen, wohin er immer wollte.

Ich beugte mich zu ihm, ihn zu berühren, und auch er beugte sich vor. Als ich ihm näherkam, verschwamm sein Angesicht wie im Nebel, so als beschlüge eine Glasscheibe von meinem Atem in der Kälte.

Und der Engel mit den zusammengebundenen Flügeln war, jetzt erkannte ich es – mein eigenes Spiegelbild.