Mit dem Küchenmesser trennte er…

Mit dem Küchenmesser trennte er die letzten beiden Hemdknöpfe oben unterm Kragen ab: sieben, acht. Die müßte die Mutter halt nachher wieder drannähen.

Dann setzte er die Spitze auf der weichen weißen Haut unterm Kinn an und senkte sie vorsichtig durch sein Schlüsselbein.

Ich lege mich besser dazu hin, dachte der Junge, am Ende fällt hier alles durcheinander, und dann weiß ich nicht mehr wo was gewesen ist.

Oben auf dem Bett, er lag auf dem Rücken, vertiefte er den Schnitt. Noch ein bißchen. Jetzt konnte er die Hand schon fast da reinstecken. Die Mutter kam und guckte durchs Zimmer: Was machst du da? Ist das mein Messer? Das bringst du aber nachher bitte wieder in die Küche wenn du fertig bist, ja.

Ab.

Zwischen den Rippen tastete der Junge, vorsichtig, das Messer als Hebel benutzend, die schartigen Knochen rieben seine Finger, nach dem Brief, den er hier irgendwo versteckt hatte. Er konnte sich ganz deutlich dran erinnern. Weit konnte er nicht sein. Vielleicht war er ein bißchen nach hinten gerutscht, beim Schulsport oder so. Da war er. Hoffentlich nicht zu aufgeweicht. Er ließ sich ganz langsam abziehen, wie ein feuchter roter Aufkleber. Vorsichtig. Ich hab nur den einen.

Er hörte die Knochen knarzen beim Atmen. Er atmete ganz flach, vor Konzentration. Ob die wohl nachher wieder zusammenwachsen? J. meinte, manchmal wüchsen Knochen von selbst wieder zusammen.

Jetzt hatte er den Brief ganz abgelöst. Zog ihn sachte durch die Rippen. Sah aus wie eine Serviette, wenn er so runterschielte, nur nicht mehr so weiß. Er zupfte: frei.

Das Messer brauchte er nicht zum Öffnen. War ja nicht in einem Umschlag. Oder doch, eigentlich schon.

Zweimal gefaltetes A4, unliniert und holzfrei. Die Schrift lesbar, aber fleckig. Aber lesbar. Liebe Familie, stand auf der einen Seite, ich habe Euch ser lib. Und auf der anderen: Ich kenne euch nicht mehr.

Was jetzt. Was jetzt? Draußenlassen und wieder zumachen, oder drinnenlassen und wieder zumachen? Auf jeden Fall zumachen. Er fühlte schon die Kälte am Herzen.

Himmel, die wollten sich ja gar nicht mehr schließen lassen, die Rippen. Wie damals vor dem Urlaub, als der Vater den Kofferraum nicht zubekam vor lauter Zeug. Vielleicht doch noch mal was rausnehmen? Aber die Mutter war dagegen: Das brauchen wir doch alles.

Jetzt hörte er ein Klicken. Daß sie so von selber einrasten würden, hätte er nicht gedacht. Das war so leicht und etwas komisch.

Zur Sicherheit schnürte er die Arme noch etwas fester um seine Brust. Fest umarmt. So. Kann nichts mehr passieren.

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Er stellte sich vor, wie seine Eltern nebenan im Bett zueinander sagten:

„Wir sollten uns, um unserem Sohn unsere Liebe zu bezeigen, für einen Augenblick vor seinen Augen in Bienen verwandeln. Bienen sind nützliche, niedliche friedliche Geschöpfe, und allgemein sehr angesehen, wie wir hörten.“

Also taten sie das: Um fünf Uhr morgens schlugen sie ihre Decken zurück und standen für einen Augenblick ohne anzuklopfen im Zimmer ihres Sohnes als menschenhohe Bienen vor dem Bett ihres Sohnens.

Der erschrak sich, schlug um sich, schrie nach seinen Eltern, als die beiden, die für kurze Zeit ihre Liebe vergessen hatten, erbost über ihm waren und tobend summten, während er zwischen und unter ihnen zappelte, ganz ohne Mundwerkzeuge und Flügel, und das, obwohl er doch längst schon mit sowas gerechnet hatte in seiner Vorstellung.