Siehe, meine Freundin

Zwiesprache der Seele mit Gott

Fünf Stufen der Seele auf ihrem Weg von Verzweiflung bis zu seliger Einheit mit Gott werden wir in diesem Programm nachvollziehen:

I. Getrenntsein der Seele

Der Weg der Seele zu ihrer Einheit mit Gott beginnt im Zustand des Getrenntseins: Aus der Tiefe, De profundis, rufe ich zu dir. Heinrich Kaminskis Vertonung dieses Bußpsalms beweist bereits mit seinem Opus 1 satztechnische und harmonische Meisterschaft. Wie Christoph Willibald Gluck wählt er im ersten Satz die Tonart d-Moll, um Verlassenheit und den Zustand der Sündhaftigkeit auszudrücken. Der Zuversicht ausdrückende zweite Satz, „Ich harre auf den Herren“, ist im sanfteren B-Dur gehalten.

II. Gebete der Seele

Die drei Stücke des zweiten Abschnitts lassen sich als Gebete auffassen: Die Anrufung Richte mich, Gott von Felix Mendelssohn Bartholdy ist eine Bitte, vor Versuchung bewahrt und zur Erleuchtung geführt zu werden: „Sende dein Licht und deine Wahrheit“.
Auch die beiden Marienstücke von Javier Busto und Francis Poulenc sind Gebete, vielleicht die katholischsten überhaupt. Gerade Poulenc galt in seinem Glauben als unerschütterlich. Sein Salve Regina von 1941 verbindet Anklänge an den gregorianischen Choral mit exquisiten und komplexen Harmonien.

III. Erhörung der Seele

Die Gebete der Seele werden mit den beiden spätromantischen Motetten Justorum animae und Beati quorum via von Charles Villier Stanford erhört. Der äußerst produktive irische Komponist lehrte am Royal College of Music. Die ersehnte Einheit der Seele „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand / und keine Qual rühret sie an“ wird bekräftigt durch die Worte Meinen Frieden gebe ich euch von Jesus Christus selbst, in einer Vertonung des norwegischen Altmeisters Knut Nystedt.

IV. Einheit der Seele

Ola Gjeilo schlägt mit Northern Lights zwischen transzendenter Liebe und einem Naturphänomen eine Assoziation: Das „Hohelied“ besingt im Gewande von Metaphern weltlich-fleischlicher Lust die Liebe zwischen Mensch und Gott, und dieser doppelten „Liebeserklärung“ fügt Gjeilo eine weitere Dimension – die Schönheit der Natur – hinzu.
Das textlich verwandte Siehe, meine Freundin, das vom Chorleiter Sven Hinz für das Biengener Vokalensemble speziell zu diesem Anlass geschrieben wurde, greift mehrere Aspekte aus verschiedenen Werken des heutigen Programms auf, etwa die Sechs-stimmigkeit Stanfords oder die Überlagerung mehrerer Akkorde in Vytautas Miškinis’ Cantate Domino.

V. Freude der Seele

Der Weg der Seele ist vollendet, ihre Einheit mit Gott ist vollzogen. Knut Nystedts Laudate und Cantate Domino von Vytautas Miškinis besingen den Jubel der erlösten Seele zugleich als Aufruf an die Gemeinde, es ihr gleichzutun.
Den Abschluss des Programms bildet Arvo Pärts ungewohnt schwungvolles Bogoroditse Djevo (Mutter Gottes und Jungfrau). Das rasche Tempo verleiht dem Gebetsruf eine erfrischende Leichtigkeit – ein herzensfroher Tanz mystischer Seligkeit.

Sven Hinz