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Ring of fire

Nein, der Titel „Ring of Fire“ bezieht sich keinesfalls auf den bekannten Popsong von Johnny Cash aus dem Jahr 1963, sondern gibt eine musikalische Reiseroute vor, entlang einer Kette von aktiven Vulkanen, die sich rund um den Pazifik zieht. Die Reise beginnt in Neuseeland und verläuft nördlich über Australien, Indonesien und den Philippinen bis nach Japan und Hawaii, um sich dann an der amerikanischen Westküste wieder nach Süden zu bewegen: Kanada, Kalifornien, Mexiko, Ecuador und Chile sind die letzten Stationen. Nicht nur sind auf dieser Route die meisten tätigen Vulkane dieser Erde angesiedelt, sondern auch eine Vielzahl an hochaktiven, kreativen Komponisten, die zumeist auch noch Chorleiter sind.
Doch auch in einem anderen Sinne lässt sich der feurige Titel verstehen, nämlich als Verweis auf das Pfingstwunder, die Herabkunft des Heiligen Geistes. Folgerichtig eröffnet David Hamiltons Veni Sancte Spiritus den Konzertabend der Zürcher Vokalisten. Spannungsgeladene Orgelpunkte laden den Satz, den Reibungen tektonischer Platten ähnlich, energetisch auf, um sich endlich im abschließenden „Halleluja“ eruptiv zu entladen.
Eine wesentlich ruhigere und tonartlich in sich geschlossene Textur offenbart das O magnum mysterium von Hamiltons neuseeländischem Landsmann David N. Childs. Den Orgelpunkten aus Hamiltons Werk entsprechen hier die Bordunquinten, ausgehaltene Basstöne, die dem Satz ein mittelalterliches Gepräge und eine in sich ruhende Schwere verleihen, über denen schlichte Melodielinien in Oktavimitationen schweben.
Mit Tuggare des Australiers Stephen Leek ändert sich die kompositorische Faktur grundlegend: anstelle polyphoner Komplexität tritt nun der Rhythmus in den Vordergrund. Die wenigen Textworte werden ostinat wiederholt, die Taktstruktur durch Klatschen markiert, wobei oftmals die Phrasen einen Schlag länger sind als erwartet. Ebenso rhythmisch präsentiert sich das Spiritus Sanctus des jüngsten Komponisten in diesem Programm, dem 1988 geborenen Daniel Brinsmead, worin ein durchlaufender „Morse-Rhythmus“, glühend von innerem Feuer, wunderbare Melodielinien umranken.
In Meplalian des indonesischen Komponisten Budi Susanto Yohanes verwandelt sich der Chor in ein Gamelan-Orchester: Der Text besteht überwiegend aus den gesungenen indonesischen Tonbezeichnungen „ding deng dang dong dung“. Auch Chua-Ay von Fabian Obispo hat indigene Wurzeln in der Musik der Reisbauern auf den Philippinen. Das Stück beginnt mit Vogelrufen, gesungen von zwei Solosopranen, gefolgt von rhythmischen Variationen eines Dreiton-Motives.
Wo Vulkane Feuer speien, bebt auch die Erde – etwa in Japan. Das Stück Ima Kokoni („Hier und jetzt“) von Kō Matsushita wurde in den USA im Rahmen einer Spendenaktion für die Opfer des verheerenden Erdbebens an der japanischen Ostküste im Jahr 2011 uraufgeführt.
Im Feuer sind die Kräfte der Zerstörung und der Kreation vereinigt. Alles Leben geht aus dem Sonnenfeuer hervor, und entsprechend ist E Ala E eine Huldigung an die aufgehende Sonne. Die Urheberin des hawaiianisch-englischen Gesangs, Dr. Pualani Kanake’ole Kanahele, steht in der Hula-Tradition ihrer Vorfahren, die ein umfassendes Wissen von Astronomie bis zu Vulkanismus gesammelt haben. Die Melodie, arrangiert von der kalifornischen Komponistin Ruth Morris Gray, erinnert an ein afrikanisches Volkslied oder an einen Circle Song.
Wie ein Mantra behandelt der Kanadier David McIntyre den Text des Ave Maria. In seiner Version für Frauenchor beschränkt er sich auf die Anfangsworte, welche in verschiedenen Lautstärken und Tonhöhen durchdekliniert werden. Der ostinate Rhythmus stellt eine Beziehung zu anderen Stücken dieses Programms her, ein Accelerando gegen Ende erzeugt Dramatik und eruptive Emotion. Im Gegensatz dazu steht Morten Lauridsens Vertonung mit seiner zeitlos-schimmernden ätherischen Vielstimmigkeit und weitgespannten Melodik. Derselbe „spirit“ wirkt in Oculi omnium von Eric Whitacre: durch minimale Kanonbildung eröffnet sich ein subtiler Raum, einer kristallenen Kathedrale gleich, in welcher das finale „Amen“ wie eine unsichtbare Orgel erscheint. Und auch Benjamin Boldens musikalische Interpretation des hochpoetischen Tread softly nach Worten von William Butler Yeats steht der Klanglichkeit eines Whitacre nahe.
Am Ende der Reise durch den „Ring of fire“ landen wir in Südamerika, wo besonders das ecuadorianische Volkslied Apamuy Shungo hervorzuheben ist, arrangiert von Gerardo Guevara. Die perkussiven Rhythmen lassen einen wilden Ritt durch die Anden erahnen, deren Gipfel einst aus Feuer und Erde erschaffen wurden.

Sven Hinz

Die Welt von Gestern – Soirée „Text und Ton“

Liebe Kulturfreunde,

wer die szenische Lesung über Stefan Zweig im März verpasst haben sollte, bekommt jetzt noch einmal Gelegenheit: Am 5. Mai lese ich weitere Teile aus Zweigs Autobiographie „Die Welt von Gestern“. Vier Streiflichter aus seinem bewegten Leben will ich vorstellen: Episoden aus seiner Jugend im alten Wien vor dem Ersten Weltkrieg, die Begegnung mit Rainer Maria Rilke in Paris, die Heimkehr nach Österreich in der Zeit der Inflation und die bangen Monate während der Friedensverhandlungen Englands mit Hitler im Jahr 1938.

Soirée „Text und Ton“
Sonntag, 5. Mai, 18 Uhr
Dominikanerkloster Freiburg (Ludwigstr. 35)

Eintritt frei (Spenden erbeten)

Ich freue mich auf Euer Kommen!

Herzlich,
Sven