Northern Lights

Nicht nur die Vielfalt skandinavischer Chormusik, auch das umfassende Spektrum der „Zürcher Vokalisten“ kommt im neuen Programm „Northern Lights“ eindrucksvoll zur Geltung. Da sind einerseits die Volksliedbearbeitungen, mit denen sich Komponisten wie Jean Sibelius, Robert Sund und Karen Rehnqvist der musikalischen Seele ihres Landes genähert haben; ein zweiter, großer Schwerpunkt liegt auf Shakespeare-Vertonungen, hier vertreten mit Werken von Nils Lindberg, Juhani Komulainen und Jaako Mäntyjärvi. Bei letzterem hat Christian Dillig, Leiter der „Zürcher Vokalisten“, zusammen mit dem Dirigenten des Chamber Choir Ireland, Paul Hillier, sogar ein Werk in Auftrag gegeben: die Vertonung des „Prologs“ aus Shakespeares „Romeo und Julia“. Zwar oblag die Uraufführung des etwa dreiminütigen Werkes dem irischen Ensemble, doch die Ersteinspielung auf CD ist das Verdienst der Zürcher Vokalisten.
Der Prolog tritt bei Mäntyjärvi, ähnlich wie der Chorus im Shakespeareschen Original, als eigenständige Figur auf, die sich sogar im Laufe des Stücks selbst vorstellt: „I am the Prologue“. In raunendem Es-Moll und der Tempoangabe „Solemn“ (Feierlich) tragen Tenor und Alt die berühmten Verse „Two households, both alike in dignity“ vor. In der Oberstimme bleiben die Verse unverändert, während die Unterstimmen unauffällig Zusammenziehungen, Wiederholungen und sogar neu hinzugefügte Wörter hineinweben: „starcross‘d“ wird zu „lost“, und unter dem letzten Textwort „mend“ setzen die Männerstimmen, einem unheilvollen Schlusspunkt gleich, das Wort „end“.

Den dritten Schwerpunkt bilden Vertonungen geistlicher Texte, deren Vertreter drei Generationen angehören: da ist der Altmeister Knut Nystedt mit seinem 1977 entstandenen „O crux“, und der 1978 geborene aufstrebende Jungkomponist Ola Gjeilo. Karen Rehnqvist, die als erste Frau überhaupt seit 2009 Komposition und Dirigieren an der Königlichen Musikschule Stockholm unterrichtet, gehört der mittleren Generation an.

Ola Gjeilos titelgebendes Werk „Northern Lights“ vereint Elemente des gregorianischen Gesangs mit (gemäßigt) moderner Harmonik. Den berühmten Vers „Pulchra es amica mea“ aus dem Hohelied Salomos lässt Gjeilo im dorischen Modus in der Hauptsache von der Altstimme rezitieren. Es ist bemerkenswert, dass ein biblischer Text unter dem Titel eines Naturphänomens steht. Einerseits rückt das „lyrische Du“ des Textes damit in die Sphäre des Unpersönlichen — als „pulchra es“ wird das Nordlicht besungen —, zum anderen wird dadurch eine direkte Beziehung zwischen Natur und Seele hergestellt.
Eine ähnliche Konstellation findet sich in „Auringon noustessa“ (Bei Sonnenaufgang) von Toivo Kuula. Die Betrachtung des Sonnenaufgangs wird metaphorisch in den Aufbruch der Seele aus ihrem vergänglichen Gefängnis hinübergeführt: durch die Lügen der Jahrhunderte „schimmert die reine, die ewige Wahrheit“. Leider wurde der finnische Komponist, der stark von Sibelius und Debussy beeinflusst war, mit 34 Jahren von einem Offizier erschossen.

Licht und Feuer sind Bilder, die wesentlich das Programm „Northern Lights“ prägen: sei es in Sibelius‘ Vertonung „Saarella palaa“ (Auf der Insel brennt ein Feuer), worin sich Tenor und Alt in einem fröhlichen Tanz der Geschlechter gegenseitig die Textworte zuwerfen, oder im besinnlichen Lied „Aftonen“ des Spätromantikers Hugo Alfvén, einem kurzen Gedicht des schwedischen Arztes und Schriftstellers Herman Sätherberg, das die Atmosphäre des dahinschwindenden Lichtes am Ende des Tages besingt. In der Vertonung finden die fernen Klänge eines Waldhornes ihren Widerhall, deren Triolen auch der wiegenden Melodik eines Schlafliedes enstammen könnten.

Von Laurentius Laurinus, Pfarrer und Musikgelehrter zu Söderköping, stammt die Hymne „I himmelen“. In kindlich naiven Worten wird geschildert, wie wir Gott in diesem Augenblick von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Karin Rehnqvist setzt in ihrer Vertonung die traditionelle Singweise des „Kulning“ ein, einer ausschliesslich von Frauen praktizierten Singtechnik, mittels derer man auf den Almen Schwedens und Norwegens die weidenden Tiere zusammenrief und Wölfe und Bären abschreckte.
Auch Jaako Mäntyjärvi verweist im Titel seines Stückes „Pseudo-Yoik“ auf indigene Gesangstechniken der Samen, ohne solche jedoch ausdrücklich von den Chorsängern zu verlangen. Das „Joiken“ ist eine spirituelle Praxis, mittels derer der Sänger oder die Sängerin eine mystische Vereinigung mit der Natur herstellt. Diese Praxis wurde mit der Ausbreitung des Christentums in Lappland unterdrückt und war noch im 20. Jahrhundert teilweise verboten. Mäntyjärvis Komposition kehrt vor allem den unterhaltsamen Aspekt dieser Musizierweise hervor und rückt sie bewusst in die Nähe einer Parodie — was möglicherweise ihre Verbreitung begünstigt und der Anfang eines neuen Aufblühens dieser Kunst ist.

Sven Hinz