Orthodoxe Gesänge

Die Vokalmusik der russisch-orthodoxen Kirche hat eine lange Tradition. Bereits Jahrhunderte, bevor Großfürst Wladimir I. im Jahre 988 das Ostchristentum als Staatsreligion durchsetzte, stand der Ritus der Ostkirche, mit Byzanz als geistigem Zentrum, in voller Blüte. Dessen Gottesdienstordnung, die sogenannte „Göttliche Liturgie“, geht auf Johannes Chrysostomos im 4. Jhr. zurück (der Beiname „Goldmund“ wurde ihm aufgrund seines mitreißenden Predigtstiles verliehen). Diese umfasst, vergleichbar mit dem römischen Messbuch, alle Texte für den gewöhnlichen Gottesdienst, an hohen Feiertagen verwendet man die ältere und längere Liturgie des Basilius.
Ebenso wie der gregorianische Choral der Westkirche kennt der orthodoxe Gesang ein System aus acht Kirchentönen („Oktoechos“), das im 7. Jhr. der Kirchenvater Johannes von Damaskus erstmals schriftlich fixierte. Dieses tonale System kennt neben Ganz- und Halbtonschritten auch 3/4-Tonschritte und unterscheidet sich somit wesentlich von westlicher Diatonik.
Das gesungene Wort ist von zentraler Bedeutung für das orthodoxe Empfinden: Singen bedeutet, mit dem ganzen Körper zu beten. Da allein die menschliche Stimme in der Lage ist, das Lob Gottes adäquat zum Ausdruck zu bringen, sind Instrumente nicht nötig, und  der Gebrauch der jeweiligen Landessprache ist ausdrücklich zulässig.
Im Gegensatz zur westlichen Tradition war der orthodoxe Gesang bis ins 17. Jhr. einstimmig-monodisch. Erst mit der Einführung des westlichen Notationssystems entwickelte sich der mehrstimmige sog. Partesgesang, der vor allem im 19. Jhr. wesentliche Impulse von Dmitri Bortnianski empfing. 1814 erhielt er den Auftrag, die Liturgie des Johannes Chrysostomos für das gesamte russische Reich musikalisch neu zu fassen und zu vereinheitlichen. Bortnianski hatte bei Baldassare Galuppi, dem Leiter des kaiserlichen Hofchores in St. Petersburg, studiert, und formte als dessen Nachfolger den Hofchor zu einem Ensemble von international bedeutendem Rang. Der italienisch beeinflusste mehrstimmige Stil in Verbindung mit alten russischen Melodien beeindruckte Friedrich Wilhelm III. derart, dass er für die preußische Agende Sätze im Stile von Bortnianski schreiben ließ. Viele Originalwerke des ukrainischen Komponisten wurden in der Folge von deutschen Kirchenchören und Gesangsvereinen übernommen. Die Wirkung Bortnianskis dauert bis heute ungebrochen an und beeinflusst jeden Komponisten orthodoxer Musik.
So fügt sich etwa das „Otche nash“ (Vater unser) von Andrej Makor in seiner homophonen Schlichtheit und seinem langsamen Tempo vorbildlich in die von Bortnianski begründete Tradition ein, wiewohl es erst im Jahr 2014 entstand. Es steht in enger Verbindung mit zwei anderen Vertonungen des Vaterunsers: der 1987 geborene Komponist widmet es Ambrož Čopi und bezeichnet es als eine „Hommage an Nikolai Kedrov“. Der Tonsatz des älteren Kollegen ist jedoch wesentlich expressiver, und zudem doppelchörig angelegt. Interessanterweise enden beide Werke mit der gleichen mollsubdominantischen Schlusswendung (as-Moll – Es-Dur).
Nikolai Kedrov, der seine Karriere als Opernsänger begann, gründete 1897 mit drei Kollegen das Sankt Petersburger Russische Vokalquartett, dessen Repertoire vor allem aus Volksliedern, Balladen und Opernmusik, später auch aus liturgischer Musik bestand. Nach der Oktoberrevolution emigrierte Kedrov nach Berlin und Paris, unternahm ausgedehnte Tourneen durch Frankreich und Nordamerika und trug somit erheblich zur weltweiten Verbreitung russisch-orthodoxer Musik bei. „Otche nash“ ist sein bekanntestes Werk.
Im Gegensatz zu Kedrov stand die Laufbahn als geistlichen Komponisten für Pavel Chesnokov bereits als Fünfjähriger fest. Als Chorleiter an der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale schuf er über fünfhundert Chorwerke, davon allein vierhundert kirchliche; nach 1917 wandte er sich gezwungenermaßen weltlicher Musik zu. Die Kathedrale wurde 1931 wurde auf Anordnung Stalins abgerissen, woraufhin Chesnokov als Komponist bis zu seinem Tod im Jahr 1944 verstummte. Seinem berühmten Spasenie sodelal hört man die Weite des Raumes an, für den es komponiert wurde. Die einfache Harmonik und das langsame Tempo entfalten besonders in sakralen Räumen ihre volle Wirkung.
Der starke Einfluss Bortnianskis prägte natürlich auch so eigenständige Komponisten wie Sergei Rachmaninov und Pjotr Tschaikowski. Letzterer edierte eine vollständige Werkausgabe Bortnianskis und vertonte ebenso wie dieser die Liturgie des Chrysostomos. Von beiden erklingt jeweils eine Version des Cherubinischen Hymnus (Heruvimskaya pesn’). Sergei Rachmaninow, der wiederum Tschaikowski verehrte, schuf eines der bedeutendsten Werke der orthodoxen Musikliteratur überhaupt: die aus fünfzehn Gesängen bestehende Ganznächtliche Vigil. Für den bekennenden Atheisten waren es die Eindrücke der Kindheit in der „alten Stadt Nowgorod mit ihren Kathedralen, Ikonen und Fresken, dem Glockengeläut und dem Kirchengesang“, die ihn 1915  zur Niederschrift dieses monumentalen Chorwerkes inspirierten. Rachmaninow kombiniert die traditionellen liturgischen Melodien mit Elementen seiner zuvor entstandenden Opern- und Oratorienmusik zu einer überwältigenden Einheit, die Weltliches und Geistliches miteinander versöhnt.

Sven Hinz